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Scharfsinnig, diplomatisch, verlässlich

Der Heilige Altfrid

Das Hochgrab des Heiligen Altfrid in der Ostkrypta des Essener Domes hat eine besondere Anziehungskraft. Das reicht von den dezenten Zeichen der Verehrung, einer roten Rose auf dem Grabdeckel etwa, bis zum spontanen “können wir das  mal aufmachen, wir wollen noch näher ran” von Schulkindern. Gerade Letztere kennen ‚ihren’ Altfrid und wissen meistens einiges zu erzählen.

Altfrid starb am 15. August 874. In einer Zeit, als das Sterbedatum eine weitaus größere Bedeutung hatte als der Geburtstag. Die Geburtsdaten sind kaum überliefert, auch das des heiligen Altfrid ist unbekannt. Allerdings ist der ‚Hildesheimer Chronik’ zu entnehmen, dass der Gründer des Essener Damenstifts “reich an Tagen” gestorben sei, am Fest der Himmelfahrt Mariens. Reich an Tagen, das mögen im 9. Jahrhundert gut 70 Lebensjahre gewesen sein, Grund genug, das Geburtsjahr um 800 zu vermuten.

Vermuten muss man ohnehin so einiges, was den vierten Bischof von Hildesheim betrifft. Ob er 847 oder erst 851 Bischof wurde, lässt sich jedenfalls nicht so ganz klären. Schuld an dieser Misere ist sein Vorgänger auf dem Hildesheimer Bischofsstuhl, Ebbo. Der führte sein Amt offenbar unter recht merkwürdigen Umständen. Es hält sich auch hartnäckig die Behauptung, Altfrid habe die Weihehandlungen Ebbos wiederholen müssen, da sie kirchenrechtlich nicht gültig gewesen seien. Gut möglich, dass eine Rückdatierung der Bischofseinführung Altfrids hier im Nachhinein trickreich ein Rechtsproblem löste.

Auch die Rolle Altfrids bei der Gründung des Essener Stiftes stützt sich häufig genug auf Vermutungen oder verunechtete Urkunden. Verunechtet? Sicher ist jedenfalls, dass die angebliche Gründungsurkunde des Essener Stiftes erst Jahrhunderte nach der Gründung verfasst wurde, das Original fiel wohl dem Brand von 946 zum Opfer. Die Auslegungen dieser Verunechtung reichen natürlich von ‚Fälschung’ bis ‚Abschrift’, und die Wahrheit ist vielleicht eine Mischung von beidem. Jedenfalls kann man inzwischen davon ausgehen, dass Altfrid im Jahr 852 auf seiner Grundherrschaft den Grundstein für die Münsterkirche gelegt hat, da gab es das  Damenstift aber schon. So gesehen wäre Altfrid auch nicht der Gründer des Stiftes, aber sehr wohl ein entscheidender ‚Aufwerter’. Immerhin gab der sächsische Adlige und Bischof von Hildesheim dem Stift an der Berne durch seine Initiative den Schwung, der es für lange Zeit zu einem der bedeutendsten Frauenstifte Mitteleuropas machte.

Heiliger Altfrid - Hochgrab im Essener DomViele Fragen zur Herkunft und zum Wirken Altfrids müssen wohl offen bleiben, die Quellenlage ist einfach an vielen Punkten zu diffus. Aber manche Erkenntnisse haben wir doch. Über das politische Wirken des Bischofs von Hildesheim etwa.

König Ludwig der Deutsche hatte in Altfrid  jedenfalls einen scharfsinnigen, diplomatischen und verlässlichen Berater gefunden. Erzbischof Hilkmar von Reims lobte in einem Brief die natürliche Klugheit und die Schlagfertigkeit seines sächsischen Mitbruders, der sich verantwortungsvoll für seine Diözese, seine Essener Stiftung und den Erhalt des Frankenreiches einsetzte.

Und überliefert ist eben auch der Todestag Altfrids, der 15. August 874. Der vierte Bischof von Hildesheim, der auf seinen besonderen Wunsch hin in seiner Essener Münsterkirche bestattet wurde, findet nach wie vor eine große Verehrung. Am Abend seines Todestages werden alljährlich seine Gebeine erhoben und im Dom zur Verehrung ausgestellt. Und dann bietet sich sicher für alle großen und kleinen Verehrer die beste Möglichkeit, ganz nah an ‚ihren’ Altfrid heranzukommen.
(Martin Engelbrecht)