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Beginen im Pott

Christliche Wurzeln und soziales Engagement

„Beginen im Pott“, das ist eigentlich eine ganz alte Geschichte. Auch in Essen gab es gleich sechs Konvente, die alle im 13. und 14. Jahrhundert von den jeweiligen Äbtissinnen gestiftet worden waren. Die Beginen-Bewegung war entstanden aus dem Bestreben, neue spirituelle Formen des Lebens zu finden, aber außerhalb von Klostermauern. Und jede Frau konnte Begine werde, ohne –wie die Stiftsdamen übrigens auch- ein lebenslanges Gelübde ablegen zu müssen. Dennoch lebten die Beginen in ihren Konventen nach ordensähnlichen Regeln zusammen. Ursprünglich gaben die Konvente sich ihre Statuten selbst und ließen sie von der Äbtissin lediglich bestätigen. Es scheint aber fast so, als hätten die Beginen ihre eigenen Regeln zeitweise nicht so ganz ernst genommen. Jedenfalls sah Äbtissin Sophia von Gleichen sich 1481 offenbar genötigt, dem Konvent im Alten Hagen aus eigener Machtvollkommenheit neue Statuten zu verpassen. Fortan durften die Beginen sich nur noch zu zweit –mindestens!- auf den Weg zu den Gottesdiensten machen, der Konvent wurde abends abgeschlossen, im Winter um 8 Uhr, im Sommer immerhin erst um 9 Uhr. Die Schwestern durften keine Wöchnerinnen besuchen und schon gar nicht einer Entbindung beiwohnen. Zuwiderhandlung hatte praktisch und zeitnah den Rausschmiß zur Folge, unter Verlust aller Rechte und Habe der Regel-Verletzerin. Äbtissin Sophia hatte durchgegriffen, Punkt.

Eigentlich kein Wunder, denn die Beginen waren sehr bedeutend für das Glaubens- und Wirtschaftsleben in der Stadt. Sie waren erwerbstätig als Seidenweberinnen, Spinnerinnen, Wäscherinnen, die Beginen bestellten Gemüsegärten, buken Brot und brauten Bier. Und für das soziale Gefüge vielleicht am wichtigsten: sie versorgten und unterrichteten Kinder, die Beginen pflegten und betreuten Kranke und Sterbende.

Das alles war ziemlich gefährdet, als nach der Säkularisation, nach französischen und preußischen Zugriffen auch die Beginen-Konvente aufgelöst wurden. Immerhin gelang es aber in Essen doch, vorhandene Gebäude und Vermögen, durch reichlich Spenden aufgestockt, in die Gründung eines Krankenhauses einzubringen. Unter den Beginen, die sich 1838 bei den Verhandlungen „willig unterwarfen“ und sich verpflichteten, „der Krankenpflege gehörig“ nachzukommen, war auch Clara Kopp, sie wurde fünf Jahre später erste Oberin der 1843 gegründeten „Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth zu Essen“. Zahlreiche Einrichtungen im Bereich der Alten- und Krankenpflege, der Aus- und Weiterbildung sind heute in Trägerschaft der Stiftung der Elisabeth-Schwestern. Soziales Engagement, verwurzelt in der Beginen-Bewegung des Mittelalters.

Die Idee der Beginenbewegung lebt ohnehin weiter -oder wieder neu. Auch in Essen-Haarzopf soll demnächst ein Beginenhof nach historischem Vorbild entstehen, auf dem Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei. Die Initiatorinnen planen ein Wohnprojekt für 30 Frauen, allein lebend oder mit Kindern. Auch Waltraud Pohlen engagiert sich für die Idee, ihr Mann ist früh gestorben, die drei Kinder sind aus dem Haus oder „auf dem Nestrand“ und der Erziehungswissenschaftlerin „fallen die 140 Quadratmeter Wohnfläche auf den Kopf“. Der Beginenhof ist für sie eine großartige Alternative, dort wollen die Frauen sich auch für den Stadtteil engagieren, mit einem Mittagstisch und Nachmittagsbetreuung für Kinder, Therapieangeboten und Kulturcafé. Pflege im Alter –falls nötig- wird allen Bewohnerinnen zugesichert. Die ‚neuen’ Beginen sind dabei auch christlich verwurzelt und verstehen sich als ökumenische Gemeinschaft -offen für alle. „Beginen im Pott“, Geschichte mit Zukunft.
(Martin Engelbrecht)