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Elendes Wirtshaus und schmutzige Wäsche

Ein Stadtbummel durch die Essener Geschichte

Christian Friedrich Meyer war in Essen, 1794, knapp 10 Jahre vor Auflösung des Damenstifts. Er blieb nur für eine Nacht und war heilfroh, als am 20. Mai der Tag anbrach, "des elenden Wirthshauses wegen". Überhaupt hatte es Herrn Meyer in Essen nicht gefallen. In seinem Reisebericht bemängelte er so ziemlich alles, was ihm in den Essener Gassen begegnet war, die willkürliche Gewalt des Stadt-Magistrats, unansehnliche Häuser von schlechter Bauart, viel Schmutz und überzogene Preise. Selbst die Residenz der Fürstäbtissin hatte nichts "auszeichnendes". Meyer verließ jedenfalls fluchtartig das Städtchen.

Präzise Beschreibungen des Essener Stadtbildes aus den Jahrhunderten vor Meyers Besuch sind kaum zu finden. Allerdings wagte es Robert Jahn in seiner "Essener Geschichte" aus dem Jahre 1952, Vermutungen darüber anzustellen. Vorstellen müsse man sich für das ausgehende Mittelalter, so Jahn, "eher ein städtisches Dorf als eine fürstliche Stadt". Schlichte Häuser, das Fachwerk mit Lehm aufgefüllt, verschachtelte Enge, Misthaufen in den Gassen, gackernde Hühner, frei laufende Schweine. Immerhin gab es die Vorschrift, das Klosett nicht zur Straße, sondern zum eigenen Grundstück auszurichten, und zwar so, "dass der nächste Nachbar nicht damit verstänkt oder beschwert" würde. Aber wirklich ansehnlich war nach Jahn nur die eigentliche Burgfreiheit, das Münster mit dem Atrium und die Johanniskirche.

Reichsfürstin hin, hochadelige Stiftsdamen her, für ein romantisches oder gar glanzvolles Stadtbild reicht es einfach nicht. Und so ist es wohl nicht weiter verwunderlich, dass seit Katharina von der Mark (1337- 1360) die Essener Äbtissinnen viel lieber und viel öfter auf Schloss Borbeck residierten. Dort war es auch ruhiger, gemütlicher und repräsentativer. Das hatte fataler Weise aber auch die Folge, dass für den Unterhalt der Stiftsgebäude in Essen nicht sonderlich viel investiert wurde und das Stadtbild wohl recht unansehnlich blieb, mindestens bis zum Besuch von Christian Friedrich Meyer.

Wenn wir indes noch weiter in die Vergangenheit zurückblicken wollen, kommen wir wohl an einem Mann nicht vorbei, Ibrahim ibn Achmed at-Tartuschi. Der reiste nämlich in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts durch das Frankenreich, im Auftrag des Kalifen Hakam II., und im Jahre 973 kam er auch nach Essen, "Astnid in Infrandscha". "Die Bewohner der Stadt sind alle Christen und verehren den Messias - Friede sei mit ihm!", bemerkte Ibrahim in seinem Bericht an den Kalifen durchaus anerkennend. Verwundert zeigte er sich, in dem Städtchen an der Berne ein Damenstift gefunden zu haben, "während ich an anderen Orten in Infrandscha nur Klöster für Männer sah". Besonders erwähnenswert fand der Berichterstatter auch die trübe Luft, die Finsternis, den Schnee und die "furchtbare Kälte".

Was Ibrahim dann seinem Kalifen über die Körperpflege berichtete, kann einen glatt erschüttern: "Die Franken waschen sich nur ein- bis zweimal im Jahr. Ihre Kleider aber waschen sie noch seltener." Also wenn das stimmt, wird Ibrahim ibn Achmed at-Tartuschi sich kaum länger in Essen aufgehalten haben als Christian Friedrich Meyer.
(Martin Engelbrecht)

Foto: Engelbrecht
Die Essener Innenstadt mit Dom (links), Rathaus und der Alten Synagoge (rechts) heute