Essener Dolchstöße
Glück und Pech im 17. Jahrhundert
Glück gehabt, kann man da nur sagen. Es
hätte auch übel enden können, für den Neffen des Ehrenkaplans der
Essener Äbtissin Maria Clara von Spaur und Vallier. Der Lümmel zog
eines Nachts, im frühen 17. Jahrhundert, mit einigen Kumpanen über die
Burgstraße. Essen hatte im Dreißigjährigen Krieg eine spanische
Garnison, kein Wunder, dass die Jungs auf einen spanischen Korporal
trafen, der offenbar einige Bier zu viel getrunken hatte. Zwar schimpfte
das ausländische Volk immer auf das "teutsche
Barbarengesöff", so die schriftliche Überlieferung des jungen
Seminaristen, aber "saufen tun sie doch selber davon, so viel sie
nur habhaft werden".
Natürlich konnten die jungen Essener
sich auch lautstarke Kommentare und Verspottungen nicht verkneifen. Die
spanische Antwort bliebt natürlich nicht aus, "Infierno e muerte!",
donnerte es durch die Burgstraße zurück, "Hölle und Tod!"
Und dann kam es auch noch zu einer Rempelei, des Kaplans Neffe hatte -
natürlich versehentlich - den Korporal angestubst. Das war zu viel für
die spanische Seele, der Korporal zog seinen Dolch und stach zu. "Bestia
madita!" "Verfluchter Dummkopf!" Der Essener Provokateur
sprang reaktionsschnell zur Seite und machte sich flugs aus dem Staub.
Sein Bericht über den Vorfall endet mit den Worten, "Deo gratias!
Um ein Daumenbreit wärs mir in den Rücken gegangen..."
Nur ein paar Jahre früher, im Januar
1611, hatte ein Fehltritt weit üblere Folgen. Der
jülich-klevisch-märkische Landtag war in Essen zusammen gekommen.
Zahlreiche bedeutende Fürsten und Grafen versuchten, politische
Lösungen für diverse Streitigkeiten zwischen Stift und Stadt zu
finden. Aber nicht nur das, es kam natürlich auch jenseits der
Verhandlungstische zu ordentlichen Festivitäten in den Stiftsgebäuden.
Bis tief in die Nacht wurde getanzt und gespielt, besonders köstlich
amüsierten sich die gräflichen Gäste über Pfänderspiele und
Blinde-Kuh. Überliefert ist das alles in einem Brief der Äbtissin
Elisabeth vom Bergh höchstselbst. Sie hatte ganz offensichtlich auch
ihren Spaß an dem Geschehen.
Eigentlich ist es nicht weiter
verwunderlich, dass bei so viel Tanz und Gehüpfe der Freiherr von
Schervenbergh dem Grafen von Solms auf den Fuß trat, versehentlich. Dem
betretenen Grafen reichte eine Entschuldigung des Freiherrn nicht aus,
er forderte Genugtuung, also ein Duell.
Den mit anwesenden Fürsten gelang es
zunächst, ein solches Duell zu verhindern. Aber der Graf von Solms war
sehr nachtragend und forderte den ‚üblen Treter' nach der Abreise vor
den Toren der Stadt schließlich zum Zweikampf. Das hätte er besser
lassen sollen, denn im Getümmel stach ihm der Freiherr von
Schervenbergh seinen Dolch ins Herz. Zeit für Aufzeichnungen und Reue
hatte der Graf danach nicht mehr, nur für ein paar letzte Worte, die
Äbtissin Elisabeth dann überliefert hat: "Ach Broder, ijch bin
doer und doer gestochgen."
Tja, Pech gehabt...
(Martin Engelbrecht) |