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Die
große Sehnsucht der Äbtissin
Elisabeth von Berg-s'Heerenberg
Culemborg,
ein Schloß am Niederrhein, südlich von Utrecht, bestimmt mit einem
gepflegten Garten und duftenden Blumen, mit Blick über den Deich auf
das Wasser, auf Möwen und vorübergleitende Schiffe. Was könnte in
dieser Idylle da noch zur glücklichen Jugend einer heranwachsenden Gräfin
am Ende des 16. Jahrhunderts gefehlt haben? Die großen Gefühle
vielleicht? Aber nein. Hier
auf Schloß Culemborg lernte Elisabeth von Berg-s’Heerenberg schließlich
den Sohn des Hausherrn kennen, den vier Jahre älteren Floris von
Culemborg, Graf von Pallandt. Und sie entdeckte in Floris ihre große
Liebe, die irgendwie ihr ganzes Leben prägen sollte.
Elisabeth
und Floris hatten viele Gemeinsamkeiten, auch die verwandtschaftliche
und freundschaftliche Beziehung zur niederländischen Krone,
insbesondere zu Moritz von Nassau und Oranien.
Aber es gab auch Trennendes, Elisabeth war katholisch, Floris
Protestant. Ein Umstand, der den Lebensalltag der jungen Leute zunächst
weit weniger beeinflusste, als man das heute im Rückblick auf die Zeit
kurz nach der Reformation vermuten mag. Es gab schlimmeres, für die
junge Elisabeth, viel schlimmeres, denn Floris heiratete - ihre ältere
Schwester Catharina.
Keine
200 Kilometer weiter, in Essen, spielte zur gleichen Zeit die
Konfessionsfrage eine weitaus größere Rolle. Das wurde besonders
dramatisch, als ein paar Jahre später, im November 1604, die Fürstin
und Äbtissin Margarete Elisabeth von
Manderscheid-Blankenheim-Gerolstein starb. Eine Nachfolgerin mußte gewählt
werden, und nach den Statuten mußte diese aus dem Kreis der Essener
Stiftsdamen kommen. Ziemlich pikant, denn es gab zu dieser Zeit überhaupt
nur drei Stiftsdamen in Essen, und alle drei waren protestantisch.
Politik
wurde –mal wieder- groß geschrieben. Die Kräfte der Reformation
reizten ihre Karten so aus, wie die der Gegenreformation, die das Stift
Essen wieder ganz auf die katholische Seite ziehen wollten. Es wurde
verhandelt und gekungelt, Strippenzieher hatten Hochkonjunktur. Und am
Ende wurde eine ‚Stiftsfremde’ Äbtissin von Essen, Elisabeth von
Berg-s’Heerenberg. Möglich war dies wohl nur, weil Elisabeth sowohl
die Unterstützung des Nuntius und des Erzbischofs von Köln hatte, wie
die des protestantischen Floris von Culemborg. Letzterer hatte wohl
geglaubt, etwas an Elisabeth gut machen zu müssen. Und die neue Äbtissin
von Essen ahnte wohl nicht einmal, dass sie zu einem Spielball im
Gerangel von Reformatoren und Gegenreformatoren geworden war.
Während
der Amtszeit Elisabeths gelang es denn auch weitgehend, das Stift in
Essen wieder zu rekatholisieren. Der Äbtissin gelang es aber nicht,
ihre große Liebe zu vergessen, ganz im Gegenteil. Briefe schrieb sie an
Floris, machte deutlich, dass es sie nach „ihrem auserkorenen
Herzen“ verlangte, berichtete ihm von ihrem eigenen „gefangenen
Herzen“, von Tränen, Sehnsucht und schönen Erinnerungen. Einem der
Briefe legte sie sogar ein Schnupftuch bei, zweifellos ein bedeutendes
Zeichen, ein Liebespfand.
Schließlich
planten Floris und Elisabeth tatsächlich auch ein Wiedersehen nach
langer Zeit, für den 2. Februar 1614. Elisabeth von Berg-s’Heerenberg,
Fürstin und Äbtissin von Essen, wird sich darauf sehr gefreut haben.
Trotzdem war ihr sicher klar, dass eine solche Beziehung all denen eine
ganze Dornenhecke im Auge sein musste, die 10 Jahre vorher so sehr um
eine katholische Äbtissin gekungelt hatten. Elisabeth äußerte sogar
ausdrücklich die Sorge, sie könne vergiftet werden. Und am 12. Januar
1614, drei Wochen vor dem ersehnten Treffen mit Floris, starb die Äbtissin
Elisabeth – plötzlich und vollkommen unerwartet im Alter von 32
Jahren.
(Martin Engelbrecht) |