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Im
Ahnensaal der Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung in Essen-Steele hängt
–natürlich- ein Portrait der Stifterin. Das Gemälde entstand im
Jahre 1772 und zeigt die Gründerin des Waisenhauses und Fürstäbtissin
von Essen im Alter von 76 Jahren, fürstlich-staatstragend durchaus,
aber doch auch etwas gebrechlich und mit dem Blick einer lieben, netten,
leicht tüddeligen Landesmutter. Dezent im Hintergrund zeigt das Gemälde
eine zweite Person in gebückter Stellung, die Schleppe des
Hermelinmantels der Äbtissin haltend. Der Mann ist ebenfalls in
festliches Tuch gehüllt, ganz in Gelb, mit einer Haidukenmütze auf dem
Kopf, und er ist von schwarzer Hautfarbe: Ignatius Fortuna, der
„Kammermohr“ der Essener Äbtissin.
„Kammermohr“,
da liegt natürlich die Vermutung gleich auf der Hand: Lakai und
Schleppenträger der Fürstäbtissin, Fußabtreter und versklavte Knecht
der Waisenhaus-Gründerin. Aber weit gefehlt, Ignatius Fortuna hat in
Steele nachgerade ‚Karriere’ gemacht und Geschichte geschrieben.
Dabei
hatte alles genau so angefangen, wie man sich das wohl vorstellt. Um
1735 kam der Kammermohr in den ‚Besitz’ der Äbtissin, der fürstliche
Rat Ignaz Schiffer hatte den Jungen von einer Reise in die Tropen mitgebracht und Franziska Christine geschenkt. |
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Stimmt
schon, das riecht reichlich nach Sklaverei und Menschenhandel, und die
alsbaldige Taufe des Jungen unter der Patenschaft der Äbtissin und des
fürstlichen Rates könnte im Nachhinein und böswillig als eine Art von
Hau-ruck-Missionierung missverstanden werden. Nur, wie gesagt, der weitere
Lebensweg weist da in eine völlig andere Richtung.
Unter
dem Personal der Fürstäbtissin nahm der Kammermohr schon bald eine
deutlich bevorzugte Stellung ein. Mehr noch, Ignatius Fortuna wurde zum
ständigen Begleiter seiner Patin und rangierte in ihrem Ansehen fast so
hoch wie ihr Beichtvater, der Jesuitenpater Nicolaus Marner. Der
Kammermohr bewohnte ein –Donnerwetter!- beheiztes Zimmer, direkt neben
den Privatgemächern der Fürstäbtissin und war für Franziska
Christine ständig erreichbar. Seine Aufgabe erschöpfte sich nicht
darin, die Schleppe der Äbtissin zu schleppen, vielmehr stieg der
Kammermohr offenbar zum Unterhalter der feinen Gesellschaft auf, auch
auf musikalischer Ebene.
Nach
dem Tod der greisen Äbtissin im Jahre 1776 trat der Kammermohr in den
Dienst ihrer Nachfolgerin, der polnischen Königstochter Maria Kunigunde
von Sachsen. Aus dem Kammermohren war in Steele inzwischen der hoch
angesehene „Herr Ignaz“ geworden. Er starb im Jahre 1794 und
hinterließ ein sehenswertes Vermögen, hoch genug jedenfalls, um in
Steele einen ordentlichen Erbstreit auszulösen.
Streit
gab es auch um die letzte Ruhestätte des verstorbenen Kammermohren.
Franziska Christine hatte nämlich in ihrem Testament auch für Ignatius
Fortuna liebevoll gesorgt und verfügt, dass er in der Kapelle ihrer
Stiftung beigesetzt werden sollte. Dagegen erhob sich dann Opposition,
denn eine Gruft in einer Kirche wollte man doch Klerikern vorbehalten.
Zum Glück, Fortuna, in Steele kam es zu einem ‚Kompromiss’.
Ignatius Fortuna fand seine letzte Ruhestätte unter dem Glockenturm der
Kapelle, also irgendwie schon drin, aber irgendwie auch nicht so ganz.
Ist ja eigentlich auch egal, auf jeden Fall ruht der Kammermohr nur ein
paar Schritte entfernt von seiner ‚Herrin’ und Patin, der Fürstäbtissin
Franziska Christine.
(Martin Engelbrecht)
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