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Der
Kaiser sorgt für Durcheinander
Karl
IV. und ein Verfassungsdrama in Essen
Karl
hieß eigentlich Wenzel. Jedenfalls wurde der Junge nach seiner Geburt
am 14. Mai 1316 in Prag auf den Namen Wenzel getauft. Erst als Siebenjähriger
übernahm er anlässlich seiner Firmung den Namen seines Paten, König
Karl von Frankreich, und sicher stellte Wenzel damit auch sein Leben und
Wirken unter das Patronat Karls der Großen. Nicht zu Unrecht, denn zu
Ostern 1355 empfing Wenzel, alias Karl, in Rom die Kaiserkrone. Aus
Wenzel war nun endgültig Karl geworden, Kaiser Karl IV., ein Imperator,
der zusammen mit Friedrich II. als der bedeutendste Herrscher des späten
Mittelalters gilt. Karl IV. war überaus erfolgreich in Politik,
Wirtschaft und Kultur. Der Kaiser war zudem ein Förderer der Städte.
In Prag gründete er die erste deutsche Universität und setzte der
Stadt auch seinen städtebaulichen Stempel auf. Nürnberg profitierte in
hohem Maß vom kaiserlichen Engagement, Limburg verlieh Karl IV. das
Zollrecht über die Lahnbrücke, was der Stadt über Jahrhunderte hinweg
ordentliche Einnahmen sicherte.
Auch
die Essener Geschichte hat Karl IV. maßgeblich beeinflusst, allerdings
–wenn man so will- eher negativ. Der Kaiser selbst sorgte nämlich in
Stift und Stadt für eine Verfassungskrise, die im Grunde auch nie mehr
gelöst wurde und erst mit der Auflösung des Damenstifts ein Ende fand.
Die
Verfassungskomödie begann 1370, als Elisabeth von Nassau zur neuen Fürstäbtissin
von Essen gewählt worden war. Die Stadt als eigenständiges Organ gab
es da erst seit gut 100 Jahren, entwickelte aber schon ein gesundes
Selbstbewusstsein. Jedenfalls lehnten Rat und Bürgerschaft das Ansinnen
der Äbtissin, ihr, der neuen Landesfürstin, zu huldigen kategorisch
ab. Damit kam ein regelrechter Machtkampf zwischen Stift und Stadt in
Gang, und zwei Jahre später, 1372, war Äbtissin Elisabeth die Faxen leid. Sie wandte sich direkt an Kaiser Karl IV., der ihr auch
prompt die Hoheitsrechte über die Stadt beurkundete.
Damit
wäre die Kuh eigentlich vom Eis gewesen, im Sinne der Äbtissin, aber
keineswegs im Sinne der Stadt. Und die nutzte ihrerseits nur fünf Jahre
später die Chance, den durchreisenden Kaiser so lange zu belatschen,
bis Karl IV. der Stadt Essen die Unabhängigkeit vom Stift beurkundete.
Also genau das Gegenteil von dem, was er der Äbtissin bestätigt hatte.
Elisabeth von Nassau hatte –schriftlich von Karl IV.- die
Hoheitsrechte über eine Stadt, die aber –schriftlich von Karl IV.-
von der Äbtissin unabhängig war. Egal, für wen man hier heute noch
Partei ergreifen möchte, das konnte so nicht funktionieren.
Es
gab in der Folge auch friedliche Zeiten und Kompromisse in Stift und
Stadt Essen, aber es gab auch heftige Auseinandersetzungen, bewaffnete
Übergriffe, Nickeligkeiten, Kontroversen und sogar hier und da
Todesopfer. Besonders in der Zeit nach der Reformation sorgte das
Verfassungs-Chaos für reichlich Reibereien zwischen protestantischer
Stadt und katholischem Stift.
Fast
200 Jahre nach den kaiserlichen Urkunden-Wirren, 1568, zog Äbtissin
Irmgard von Diepholz dann vor das Reichskammergericht, die höchste
Verfassungsinstanz sollte endlich mal Klarheit schaffen. Das Urteil
erlebte Irmgard nicht mehr, es wurde erst 1670 gefällt, gut 100 Jahre
später, zur Amtszeit der Äbtissin Anna Salome von Salm-Reifferscheidt.
Viel verpasst hatte Irmgard von Diepholz allerdings nicht, das Urteil
brachte auch nicht wirklich Klarheit. Und die Revision zermürbte dann
der Zahn der Zeit, bis das Stift 1803 aufgelöst wurde und das Thema
sich damit quasi selbst erledigt hatte.
Fast
450 Jahre dauerte die ‚Essener Verfassungskrise’. Wir wollen Karl
IV. ja deshalb nicht gleich vom Sockel stürzen, aber doch ein klein
wenig daran kratzen.
(Martin Engelbrecht) |