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Ihre Königliche Hoheit, die Prinzessin von Polen und Sachsen


Maria Kunigunde und die "mürrische Verdrießlichkeit"

 

„Ihre Königliche Hoheit, Maria Kunigunde, Prinzessin von Polen und Sachsen“, welch ein beneidenswerter Titel! Und was mag man sich alles so vorstellen, unter einer Prinzessin, einer Königstochter. Da werden sofort Erinnerungen an traumhafte Schönheiten aus der Märchenwelt wach, Dornröschen, Schneewittchen und so.

Aber schon folgt die knallharte Ernüchterung. Maria Kunigunde, am 10. November 1749 in Warschau geboren,  soll nämlich „in ihrer Jugend von erstaunlicher Hässlichkeit gewesen sein“. Das glaubte zumindest vor etwa 100 Jahren Ferdinand Schröder erkannt zu haben, aus der Analyse zahlreicher Portraits der Königstochter. Die Bilder, so Schröder in einer Biografie über Maria Kunigunde aus dem Jahre 1907, zeigen „ein Menschenantlitz von höchst unglücklicher Bildung“. Er bekrittelt die „grobknochigen Züge“ und versteigt sich sogar zu der vernichtenden Bemerkung, es überwiege in den Portraits „eine mürrische Verdrießlichkeit, die zum Lachen reizt“.

Foto: Engelbrecht

Dabei könne man noch getrost davon ausgehen, dass die jeweiligen Maler die junge Frau  schöner portraitiert hätten, als sie wirklich war. Und schließlich legt Schröder denn auch – ohne Quellenangabe- einem Bruder der Königstochter das Zitat in den Mund, „nur ein Wahnsinniger könnte daran denken, sie zu heiraten“.

Ein klarer Fall, jedenfalls für Schröder, eine so hässliche Frau konnte auf keinen Fall auch noch Kaiserliche Hoheit werden, Königstochter hin oder her. Dabei hatte es entsprechende Heiratspläne offenbar gegeben. Maria Theresia hätte sich die polnische Königstochter als Ehefrau für ihren Sohn, Kaiser Joseph II., durchaus vorstellen können. Und auch am sächsischen Hof in Dresden wurde eine Heirat der Prinzessin in Richtung Wien favorisiert, schon allein deshalb, weil es um die sächsischen Finanzen nicht gerade zum besten bestellt war.

Also fädelte man in Wien und Dresden ein Essen im böhmischen Bad Teplitz ein, bei dem –was für ein Zufall- der Kaiser neben der Königstochter zu sitzen kam. Maria Kunigunde, „vom Zweck der Begegnung unterrichtet, brachte vor Aufregung kaum ein vernünftiges Wort heraus“, berichtete Hermann Schröter 1964 in „Die Heimatstadt Essen“. Und, machen wir es kurz, es wurde nichts aus Kaiserin. Etwas peinlich übrigens für fast alle Beteiligten, denn der Ausgang des ‚geheimen’ Treffens in Böhmen sprach sich an Europas Fürstenhäusern herum wie ein Lauffeuer.

Für die Königstochter musste schnell Ersatz geschaffen werden, und nachdem auch andere Heiratspläne scheiterten, wurde Maria Kunigunde Äbtissin und Fürstin von Essen, die letzte übrigens, bis zur Auflösung des Stiftes im Jahre 1803. Eine auch zu dieser Zeit durchaus angemessene Stellung für die Königliche Hoheit, aber der Weg dorthin war noch mit einigen Schwierigkeiten gepflastert.

Noch zur Amtszeit der Äbtissin Franziska Christine wurde Maria Kunigunde schließlich am 21. Februar 1775, nach reichlich Gekungel und Geschiebe, zur Koadjutorin der greisen Amtsinhaberin gewählt, mit dem Recht der Nachfolge. Die Wahl erfolgte einstimmig, was nicht weiter verwundert, flossen doch im Vorfeld aus Wien und Dresden 45000 Gulden an die wahlberechtigten Stiftsdamen und Kanoniker in Essen.

Nach dem Tod ihrer Vorgängerin trat Maria Kunigunde am 16. Juli 1776 das Amt der Äbtissin von Essen und Thorn an, residierte aber auch fortan lieber am Hofe ihres Bruders, dem Kurfürsten und Erzbischof von Trier Clemens Wenzelslaus, auf Ehrenbreitstein in Koblenz. Sie war ihm in mancherlei Beziehung deutlich überlegen, wie die Quellen bezeugen, und setzte am kurtrierischen Hof ihre eigenen Ansichten durch. Eine starke Frau, auch für Essen. Maria Kunigunde finanzierte aus ihrer Privatschatulle die erste befestigte Straße in Essen, sie war Mitbegründerin und Teilhaberin mehrerer Eisenhütten, aus denen letztlich der GHH-Konzern (Gute-Hoffnungs-Hütte) hervorging.

Maria Kunigunde starb am 8. April 1826 in Dresden und wurde dort in der Krypta der Hofkirche beigesetzt. Von Essens letzter Fürstäbtissin sind einige Portraits erhalten. Sie zeigen sicher nicht gerade das, was man sich unter einer wunderschönen Königstochter vorstellen mag, aber eine „erstaunliche Hässlichkeit“ die „zum Lachen reizt“ ganz bestimmt auch nicht.
(Martin Engelbrecht)