Rosa und der Staatsbesuch

 

Rosa schweigt. Ihren schlechten Tag habe sie wohl erwischt, heißt es in Insider-Kreisen. Mag sein, dass dies eine ungerechte Unterstellung ist und Rosa einfach nur weiß, dass eine Papageiendame bei einem Staatsbesuch den Schnabel zu halten hat. Zumal Rosa gerade zwei Schritte entfernt von der Fürstin und Äbtissin Franziska Christine zu Pfalz Sulzbach sitzt, auf der Schulter des Kammermohren Ignatius Fortuna.

Rosa schweigt jedenfalls, beharrlich und höflich. Schließlich ist die Fürstin ja –stilecht- in einer Kutsche auf dem alten Marktplatz in Borbeck vorgefahren, um ihrerseits eine Rede an ihre Borbecker zu halten, eine Dankansprache an

Foto: Engelbrecht

jene Bürger, Bauern, Kinder und Geistliche, auf die sie sich immer verlassen konnte.Franziska Christine, Pfalzgräfin zu Sulzbach, Fürstin und Äbtissin zu Essen und Thorn gibt –hier und da französelnd- ihrer maßlosen Freude darüber Ausdruck, dass sie 276 Jahre nach ihrem Regierungsantritt 1726 wieder in Essen sein kann. Speziell eben auch in Borbeck, „vor dessen Toren sich unser superbes Chateu mit seinem von uns mit viel Coeur und Costen angelegter Park erhebt“; viel Herz, viel teuer. Die Äbtissin erinnert aber auch an die Gründung des Essener Damenstiftes vor 1150 Jahren, an ihre Gründung des Waisenhauses in Steele, an die Auflösung des Stiftes vor 200 Jahren, an Höhen und Tiefen in der nachstiftischen Zeit, un „a la fin“ an die Geschichte der Pfarrgemeinde St. Dionysius in Borbeck, denn die hat schließlich die Fürstäbtissin zum Pfarrfest eingeladen. Den Zuhörern und Besuchern des Festes wünscht sie im Jubiläumsjahr viel Freude und Fröhlichkeit, „vivat Borbeck, vivat Essen, ad multos annos!“ „Hoch! Hoch! Hoch Franziska Christine!“ schallt es vom rappelvollen Marktplatz zurück, während sich die Fürstäbtissin klammheimlich von der Kammerzofe die Schminke richten lässt. Und Rosa schweigt.

Foto: Engelbrecht Rosa lässt sich auch nicht vom frohen Gejohle des Publikums anstecken, als die 306 Jahre alte Fürstäbtissin der alten Tradition folgend auf die Waage steigt. 306 Jahre alt? Na ja, nicht so wirklich. Angelika Haiduk, Leiterin des Kindergartens von St. Dionysius an der Veledastraße ist in die Rolle der „Pfalzgräfin von Gottes Gnaden“ geschlüpft, hat sich wie ihr Gefolge aus Kindergarten, Elternrat und Gemeindemitgliedern historisch ausstaffiert. Vom Kinderchor bis zu den Ehrengardisten haben sie den alten Markt in das frühe 18. Jahrhundert zurückversetzt. Und wie in alten Zeiten wird die Äbtissin schließlich auch aufgewogen, gegen Lebensmittel. Das geschah zwar früher nicht auf dem Markt, sondern auf dem Stiftsfriedhof zum Seelenheil der verstorbenen Stiftsdamen, und auch nicht in der sommerlichen Mittagssonne, sondern in der Oster- und Weihnachtsnacht, aber wie damals profitieren auch ‚Bedürftige’ vom Borbecker Äbtissinnen-Wiegen. Für zwei Euro können die Besucher des Pfarrfestes ein Stiftsbrot erwerben, das entsprechende Gewicht wird der Allerfürstlichen Hoheit entgegen gesetzt, der Erlös kommt einem Internat in Butare/Ruanda zu Gute. 200 Brote gehen tumultartig weg, wie die warmen Semmeln. Die Waage steht bei 75 Kilo in der Waage.
Zugegeben, da hat sich auch ein dritter, altbäuerlicher Fuß mit auf die Waagschale der Äbtissin geschlichen, und gut ein Kilo Schminke ist auch dabei, wenn der Kommentar aus dem Publikum stimmt. Egal, nicht nur das Gewicht ihrer Hoheit wird nach oben geschummelt, auch manche Brotkäufer legen spontan auf den Preis „was drauf“, für den guten Zweck. Und bei so viel Engagement, bei so viel guter Stimmung verliert selbst eine Papageiendame ihre Contenance. Rosa krächzt, aus voller Kehle.
(Martin Engelbrecht)