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Drei kaiserliche Töchter

 

Idyllisch wäre sie schon, die Vorstellung von einer glücklichen Familie am Frühstückstisch, Papa Kaiser, Mama Kaiserin, drei Töchter und der kleine Bruder, der sich gerade mit den honig-klebenden Fingern durch die goldene Kinderkrone fährt. Aber wir dürfen uns getrost von dieser Vorstellung verabschieden. Bei Kaiser Otto II. und seiner Gattin, der aus Byzanz stammenden Kaiserin Theophanu wird es diese Form von Familienglück nie gegeben haben. Im Grunde hatte die Familie nicht einmal einen festen Wohnsitz. Kaiser und Kaiserin waren dauernd auf dem Ritt von Pfalz zu Pfalz, meistens irgendwo unterwegs zwischen Nijmegen und Ravenna, Magdeburg und Pavia, Rom und Ingelheim. Und auch das längst nicht immer gemeinsam.

Stiftskirche Quedlinburg
Schloß und Stiftskirche in Quedlinburg

Zumindest den drei kleinen Töchtern war so viel Schöckelei nicht zuzumuten. Aber zum Glück gab es in der Verwandtschaft ja bedeutende Äbtissinnen, denen die Prinzessinnen schon kurz nach der Geburt anvertraut werden konnten. Sophie, die älteste, kam nach Gandersheim zur Äbtissin Gerberga, einer Cousine des Kaisers. Die nächste Tochter, Adelheid, wurde ihrer Tante Mathilde anvertraut, der Äbtissin von Quedlinburg. Mathilde, die jüngste, wuchs im Essener Damenstift auf, bei ihrer gleichnamigen Cousine. Und da für Kaisertöchter ohnehin keine Aussicht auf eine standesgemäße Ehe bestand, war der Weg eigentlich vorgezeichnet, alle drei Mädchen sollten dereinst als Äbtissin das jeweilige Stift leiten. Doch, es kam anders. Auch bei Kaisers lief eben nicht alles wie vorgesehen.

Planmäßig verlief eigentlich nur der Lebensweg Adelheids. Als 18-jährige wurde sie 995 Stiftsdame in Quedlinburg und vier Jahre später auch Äbtissin des kaiserlichen Familienstiftes. Und das blieb sie auch, bis zu ihrem Tod im Januar 1044.

Mathildes Leben nahm eine ziemlich spektakuläre Wendung, um die sich manche Legende rankt. Sie wurde nie Äbtissin von Essen, obwohl sie ihre Kindheit im Stift an der Berne verbracht hatte. Statt dessen stand plötzlich in Essen ein Bräutigam für die Kaisertochter vor der Stiftspforte, Pfalzgraf Ezzo, ein durchaus einflussreicher Mann also, aber eben doch nicht so ganz standesgemäß. Kein Wunder, dass Äbtissin Mathilde, die Cousine der Braut, die ‚Entführung’ mit allen Mitteln verhindern wollte. Vergeblich, gegen die Übermacht des Pfalzgrafen war nichts zu machen, zumal der auch noch einen königlichen Befehl vorweisen konnte. Noch auf Essener Boden war die Verlobung der jüngsten Kaisertochter mit dem Pfalzgrafen perfekt.

Mathilde war zu diesem Zeitpunkt etwa 12 Jahre alt, Ezzo gute Dreißig. Dass sich hier eine Liebesheirat anbahnte,  ist ohnehin nicht anzunehmen, das war –zumindest in diesen Kreisen- sowieso nicht üblich. Aber warum dann? Eine Kaisertochter für einen ‚popeligen’ Pfalzgrafen? Kann es wirklich sein, dass Otto III. seine Schwester ‚verzockt’ hatte? Hartnäckig verbreitete sich jedenfalls die Geschichte, dass der gerade mal 10 Jahre alt König sich auf’s Schachspielen gegen den Pfalzgrafen eingelassen hatte. Drei mal hintereinander habe Ezzo den kleinen Otto matt gesetzt und als Preis dafür die Ehe mit Mathilde gewonnen.  Ein königliches Spiel eben.

Mag sein, dass die unstandesgemäße Ehe der Kaisertochter durch königliche Spielschuld erklärt werden sollte, und so die Legende vom Schach-Spiel durch die mittelalterliche Welt schwirrte. Wahr ist aber wohl eher, dass hier politisches Kalkül im Spiel war. Bezeugt ist nämlich die „matre volente“ zu dieser Ehe, die ausdrückliche Zustimmung der Brautmutter, der Kaiserin Theophanu. Diese hatte nach dem Tod Ottos II. die Regentschaft übernommen, an Stelle ihres unmündigen Sohnes und Königs Ottos III. Zum Standesdünkel hatte die aus Byzanz stammende Herrscherin ohnehin ein vergleichsweise unverkrampftes Verhältnis, sie sah in der Ehe ihrer Tochter vielmehr die Chance, Ezzo an die ottonische Familie zu binden und damit einen starken Partner an der Seite zu haben, der ihr in den Konflikten mit den Slawen nützlich sein konnte.

Mathilde und Ezzo heirateten in Brauweiler, noch vor dem Tod der Kaiserin im Juni 991. Zehn Kinder gingen aus der Ehe hervor, unter den sieben Töchtern auch die nach der Großmutter benannte Theophanu, die 1039 das wurde, was ihre Mutter hätte werden sollen, Äbtissin von Essen.

Als ‚Ersatz’ für die verheiratete Schwester Mathilde sprang Sophia in die Bresche, von 1012 bis 1039 war die Kaisertochter Äbtissin von Essen. In Essen war sie allerdings nur sehr selten Äbtissin. Die älteste Tochter von Otto II. und Theophanu scheint eine sehr selbstbewusste, eigenwillige und agile Frau gewesen zu sein, deren Interessen  schon die Rolle als Äbtissin von Gandersheim nicht genügten, Damenstifte waren ihr wohl zu eng. Sophie fühlte sich viel wohler an der Seite ihres Bruders, Ottos III. und begleitet ihn auf zahlreichen Reisen. Nach dem frühen Tod ihres Bruders im Jahr 1002 wusste sie auch weiterhin, ihr Ansehen und ihren politischen Einfluß einzusetzen. An der Wahl ihres Großneffen Konrad zum König im Jahre 1024 war die Äbtissin von Gandersheim und Essen maßgeblich beteiligt. Der zeigte sich dafür durchaus dankbar und ließ 1027 die erste Münze in Essen prägen, mit der Aufschrift ‚ASNID’, dem damals üblichen Namen für Essen. Ein kaiserliches Frühstück hätte man damit locker finanzieren können. (me)

Stiftskirche Gandersheim

Stiftskirche in Gandersheim

 

Fotos: Martin Engelbrecht